Ich sammle seit über zwanzig Jahren Druckgrafiken des frühen 20. Jahrhunderts. Irgendwann, nach dem vierten Aktenordner voller Fotokopien und dem siebten Excel-Sheet, wurde mir klar: Mein System versteht nur einer. Ich. Meine Frau nannte es liebevoll «das Archiv», sprach aber mit Ehrfurcht davon, so als öffne man eine geheime Schatztruhe und riskiere einen Fluch. Gäste, die ich begeistert auf eine bestimmte Lithografie ansprach, nickten nur höflich. Ich konnte ihnen das Stück nicht zeigen, ohne drei Kästen zu durchwühlen. Die Sammlung lebte hinter einer Mauer aus Ordnern und Tabellen. Das störte mich.

Ich wollte sie sichtbar machen. Nicht für den Verkauf, sondern einfach, um sie zu teilen. Aber wie stellt man das an, ohne als Museum ein eigenes Haus zu bauen? Ein Bekannter, der selbst lokalgeschichtliche Fotos digitalisiert, schickte mir vor einiger Zeit einen Link. Er sagte, schau dir das mal an, das ist eine andere Art, etwas zugänglich zu machen. Es ging um das Kunsthaus Lübeck, das Teile seiner Ausstellungen und Informationen online stellt. Ich klickte mich durch und sah etwas anderes als nur eine digitale Version einer physischen Galerie. Ich sah eine Möglichkeit. Kunsthaus online war für mich keine Blaupause, sondern ein Gedankenanstoss. Ein Hinweis darauf, dass der digitale Raum nicht nur ein Lager sein muss, sondern ein eigener Ort der Begegnung werden kann. Dieser eine Besuch gab mir die entscheidende Idee für mein eigenes, viel bescheideneres Projekt.

Die Wand im Flur wurde zur Galerie

Meine erste Lösung war überraschend analog. Ich räumte den langen Flur frei und hängte eine wechselnde Auswahl von Blättern auf. Dazu kam ein kleines Textschild mit einer kurzen Geschichte. Nicht Kunsthistorisches, sondern etwas Persönliches. Warum ich gerade dieses Motiv mochte. Wo ich den Druck gefunden hatte. Was die Technik für mich interessant macht. Der Effekt war unmittelbar. Plötzlich blieben Besuchende stehen, lasen, stellten Fragen. Die Sammlung wurde ein Gespräch, kein Monolog.

Vom Textschild zum QR-Code

Die Textschilder waren aber schnell vollgeschrieben. Ich wollte mehr erzählen, etwa über den Künstler oder die Druckerei. Also experimentierte ich mit QR-Codes. Das kleine Schild neben dem Bild verlinkte auf eine einfache Webseite mit mehr Informationen. Das war der erste Schritt zur Digitalisierung, aber er fühlte sich noch holprig an. Die Leute mussten ihr Handy zücken, was das Betrachten unterbrach. Ich brauchte einen sanfteren Übergang zwischen dem Objekt an der Wand und der Geschichte dahinter.

Eine Karte erzählt die Reise eines Werks

Bei einer Grafik von Lyonel Feininger wusste ich, dass sie in Weimar gedruckt, 1933 in Berlin gekauft, dann nach New York gebracht und schließlich auf einem Flohmarkt in Köln wiederaufgetaucht war. Das war eine Geschichte! Statt sie nur aufzuschreiben, skizzierte ich eine einfache Landkarte auf einem Tablet. Mit Punkten und kurzen Stichworten zeigte ich diese Stationen. Diesen Bildschirm stellte ich auf einen kleinen Tisch unter der Grafik. Jetzt konnte man mit einem Blick die Reise des Papiers durch Zeit und Raum sehen. Diese visuelle Erzählung funktionierte viel besser als Absätze voller Text.

Der Computer blieb im Schrank

Ein Fehler, den ich zuerst machte, war der Gedanke an einen großen Bildschirm oder Monitor. Er wirkt kalt und dominiert den Raum. Das Tablet, oder sogar ein vernünftiges E-Paper-Display, ist unaufdringlicher. Es ist ein Werkzeug, kein Monument. Die Technik sollte dienen, nicht auffallen. Sie sollte die Geschichte des physischen Objekts ergänzen, nicht mit ihm konkurrieren.

Der Rücken meiner Grafiken bekam eine Stimme

Die meisten Sammler wissen, dass die wahre Geschichte manchmal auf der Rückseite eines Rahmens steht. Stempel, handschriftliche Notizen, alte Preisaufkleber. Diese Details sind faszinierend, aber man kann ein gerahmtes Werk nicht einfach umdrehen. Also begann ich, die Rückseiten systematisch zu fotografieren. Diese Bilder stellte ich online, verknüpft mit der Vorderseite. Plötzlich konnten auch entfernte Freundinnen, die sich für die Materie interessieren, diese versteckten Hinweise sehen und ihre eigenen Ideen dazu beitragen. Eine notierte Adresse in Wien führte so zu einer kleinen, gemeinsamen Recherche.

Das digitale Archiv bekam eine Besucherlogik

Meine interne Datenbank war für mich logisch: sortiert nach Künstler, dann Jahr, dann Technik. Für jemanden, der einfach nur stöbern möchte, ist das tödlich langweilig. Ich erschuf deshalb einen zweiten, öffentlichen Zugang. Hier kann man nach Themen suchen: «Städteansichten», «Tiere», «Reisen». Oder nach Farben: «Welche Grafiken nutzen vorwiegend Blau?». Diese spielerischen Zugänge machen neugierig. Sie fragen nicht nach Expertenwissen.

Die größte Lektion war die Leerheit

Ich habe gelernt, dass man nicht alles auf einmal zeigen muss. Am Anfang wollte ich meine gesamte Datenbank freigeben. Das war überwältigend und sinnlos. Jetzt gehe ich den umgekehrten Weg. Ich stelle nur wenige Dinge online, aber mit großer Sorgfalt und reichem Kontext. Eine Grafik pro Monat, tiefgründig vorgestellt, mit ihrer Reise, ihren Geheimnissen und ihrer Rückseite. Das schafft Erwartung und gibt mir Zeit, die Geschichten gut zu erzählen. Langsam füllt sich so ein Raum, der wartet und einlädt, statt zu überfordern.

Meine Sammlung ist kein Museum geworden. Sie hat keinen eigenen Bau. Aber sie hat jetzt einen Ort, an dem sie mit anderen Menschen in Kontakt treten kann. Dieser Ort ist eine Mischung aus meinem Flur, meinem Tablet und einer schlanken Webseite. Die Idee dazu kam mir nicht aus einem Lehrbuch für digitale Kuratierung. Sie kam von einem Blick über den Tellerrand, von der sehr konkreten Art und Weise, wie andere Institutionen ihre Welt öffnen. Manchmal reicht ein Link, um eine Tür in den eigenen vier Wänden aufzustoßen.